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Naht das Ende selbstbestimmter Marken?

Eigentlich ist es kein Geheimnis, dass immer mehr nachhaltige Marken von Konzernen aufgekauft werden. So gehört beispielsweise die Marke "Stop the water while using me" zu Beiersdorf und Birkenstock hat den Großteil ihrer Marke an den Chef der Luxusmarke LVMH (Louis Vuitton SE) verkau

ft. Doch in der Realität sind dies sehr wohl „Geheimnisse“ oder zumindest schwer zugängliche Informationen. Denn oftmals landen diese Mitteilungen nur in den Branchenmeldungen und nicht etwa als Schlagzeile in den Leitmedien.

Doch was bedeutet das für diese Marken und vor allem für uns, die Konsument:innen?

Fangen wir einmal mit Stop the water while using me an: Zu Beiersdorf gehören, neben dieser nachhaltigen Firma, auch Marken wie Nivea oder Labello. Nivea stand vor allem wegen der Verwendung von Mikroplastik in letzter Zeit in der Kritik. Für viele passen Naturkosmetik und Marken, die wegen Greenwashing (dem „grüner“ darstellen, als es ist) Schlagzeilen machen, nicht zusammen. Und auch Bio-Sandalen, wie Birkenstock, sollten nach Meinung vieler, nicht unbedingt unter dem gleichen Dach wie Klamotten aus Echtpelz oder Schlangenleder (siehe LVMH, der die Rechte an 75 Luxusmarken hält) verkauft werden.

Dabei geht es den Großkonzernen selbstverständlich nicht um die grünen Aspekte, sondern in erster Linie um den Umsatz (klar, ein nachhaltigeres Produktportfolio macht sich heutzutage auch nicht schlecht…) - denn die Nachhaltigkeitsbranche hat im letzten Jahr um rund 10 % mehr Umsatz verzeichnen können.


Blickt man noch etwas weiter hinter die Kulissen, so stellt man mit Entsetzen fest, dass auch andere nachhaltige Marken, wie Logocos zum Beispiel, bereits 2018 an den Großkonzern L'Oréal verkauft wurde. Und L'Oréal wiederum gehört zu 23,29 % zum Nestlé-Konzern. Kauft man im Umkehrschluss also Produkte der Marke Logocos- in der Annahme, sie wären nachhaltig- so unterstützt man ungewollt indirekt Tierversuche. Denn L'Oréal verkauft seine Produkte auch in China, wo Tierversuche an Kosmetikprodukten gesetzlich vorgeschrieben sind. Beispiele wie diese gibt es wie Sand am Meer.


Auch Milchalternativen gehören oftmals Großkonzernen, wie die Bio-Marke Provamel, die zur Marke Alpro zählt. Diese beiden Firmen wiederum waren ursprünglich Teil eines vegan-orientierten Unternehmens (Whitewave Foods), welches allerdings vor einigen Jahren von der französischen Firma Danone übernommen wurde. Käufer:innen der Marke Provamel beispielsweise unterstützen also mit ihrem Kauf seit der Übernahme konventionelle Milchprodukte mittels Quersubventionierung. Auch Oatly hat erst vor kurzem 10% seiner Anteile an die umstrittene Firma Blackstone verkauft.


Oder nehmen wir beispielsweise die Bio-Tee-Firma Pukka Herbs: Ein britischer Tee-Hersteller, der auch in unseren Biosupermärkten vertreten ist. Er wurde vor einiger Zeit vom Großkonzern Unilever aufgekauft, der konventionelle Marken aus dem Lebensmittel-, Kosmetik- und Reinigungsmittelbereich, wie Knorr oder Dove, unter seinem Dach vereint. Die Motivation hinter der Übernahme? Pukka Herbs galt 2016 als die am schnellsten wachsende Marke für Bio-Tee. 


Die Gefahr besteht also, dass bald wenige Konzerne den Markt bestimmen. Das Learning aus diesen Fällen? Ein Naturkosmetik- oder Bio-Siegel bedeutet noch lange keine Nachhaltigkeit. Konventionelle Hersteller entwickeln entweder selbst einen nachhaltigen Ableger einer Marke, um ihr Portfolio an das der grüneren Konkurrenz anzupassen, oder kaufen eine kleinere nachhaltige Marke ein.

Diese nachhaltigen Marken treten dann eigenständig auf, jedoch ist auf der Rückseite der Verpackung in den meisten Fällen die Zugehörigkeit zu den Großkonzernen in Form des jeweiligen Logos dieser zu erkennen- durch verzweigte Strukturen von Tochtergesellschaften aber meist trotzdem sehr undurchsichtig. 


Was hilft? Markenboykott? Zunächst einmal sollten sich Verbraucher:innen selbstständig regelmäßig über die Marken, die sie einkaufen informieren. Eine Hilfe stellen Tools, wie die App „Buykott“ dar, die nach dem Barcode-Scann Informationen zum jeweiligen Unternehmen und dem zugehörigen Mutterkonzern bereitstellt. Ähnlich funktioniert auch die App „Codecheck“, die mittels der Barcodes nähere Informationen zu den Inhaltsstoffen und den Punkten „vegan“, „tierversuchsfrei“, etc. gibt.


Ob man nun eine nachhaltige Marke eines konventionellen Konzerns kauft, um dem Unternehmen zu zeigen, welche Produktionsweisen und Inhaltsstoffen einem am Herzen liegen, oder man ausschließlich bei kleinen und transparenten Marken einkauft, das muss jede:r Konsument:in für sich selbst entscheiden.